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Durch den I. Weltkrieg hatten beide Brauereien
beträchtliche Verluste hinnehmen müssen, die durch diesen Zusammenschluss
mehr als ausgeglichen werden konnten. Die Brauerei firmierte hinfort unter
"Gräfliche Görtzische Brauerei, Gebrüder Otterbein".
Fritz Otterbein war kein Mitglied der Familie Ferdinand Otterbein, es
bestanden jedoch verwandtschaftliche Verhältnisse.
Die dem deutschen Volk nach dem Krieg auferlegten ungeheuren Reparationsleistungen
gegenüber den Siegermächten, hatten den Wert der deutschen Mark
rapide verschlechtert. Der US $ stieg 1923 in wenigen Monaten von 4,5
Millionen auf 25 Milliarden zur deutschen Mark. Erst mit der Einführung
der Rentenmark im November 1923 wurde das finanzielle Chaos beendet. Eine
geringe Erholung der deutschen Wirtschaft konnte frühestens nach
der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit 1929 beobachtet
werden. Dies war der wirtschaftliche Ausgangspunkt für Fritz Otterbein,
als ihn Ferdinand Otterbein 1920 zum Buchhalter ernannte.
Ferdinand Otterbein verstarb 1926. Seine Witwe, Frau Rosalie Otterbein,
übernahm den Betrieb, Sie bestimmte ihren ältesten Sohn Arthur
zum Geschäftsführer und übertrug Fritz Otterbein als Bürovorstand
die Haupt- und Finanzbuchhaltung der Brauerei. Der I. Weltkrieg mit den
schlimmen Nachkriegsjahren erlaubte es nicht, dringend notwendige Ersatzbeschaffungen
oder gar Erneuerungen von Betriebseinrichtungen vorzunehmen. Erst Anfang
der 20-er Jahre hat sich der Markt wieder erholt, doch der Nachholbedarf
war so groß, dass sich der Betrieb nur mit dem Notwendigsten versorgen
konnte. An größere Investitionen war gar nicht zu denken. Die
beiden Altmeister, Heinrich Heil, der schon mit Fritz Otterbein seit 1920
im Betrieb war, sowie der Elektrofachmann Bruno Hofmann, waren wahre Meister
im Improvisieren. Ihnen war es zu verdanken, daß die zum Teil schon
Jahrzehnte alten Maschinen und Gerätschaften immer wieder betriebsbereit
waren. Beide hochverdiente Altvorderen haben sich unschätzbare Verdienste
um die Erhaltung des Brauereibetriebs erworben. Bruno Hofmann verstarb
1967, Heinrich Heil 1968.
Das Überleben der Schlitzer Brauerei über zwei Weltkriege hinweg
mit den schlimmen und verworrenen Nachkriegsjahren bleibt jedoch der unbestreitbare
Verdienst von Fritz Otterbein.
Nur wenigen Brauereien war es nach Kriegsende vergönnt für die
Besatzungsmächte zu brauen; solche Brauereien wurden von den Besatzungsmächten
großzügig unterstützt und hatten frühzeitig die Möglichkeit,
ihre Betriebe zu sanieren und verdankten ihren frühen Erfolg dieser
einmaligen Gelegenheit.
Es sei auch erwähnt, dass einem Pächter mit befristeten Pachtvertrag
nicht zugemutet werden konnte, größere Investitionen für
eine ungewisse Zukunft zu riskieren.
Nach Ablauf des Vertrages 1950 vereinbarte Graf Otto Hartmann mit Frau
Rosalie Otterbein eine Vertragsverlängerung in Form einer GmbH, mit
zwei gleichberechtigten Gesellschaftern. Graf Otto Hartmann behielt sich
jedoch das Recht vor, den 1. Geschäftsführer zu bestimmen. Arthur
Otterbein verblieb für weitere fünf Jahre 1. Geschäftsführer,
Dr. Franz Schneider von der Rentkammer wurde zum Stellvertreter ernannt.
Die Brauerei firmierte von nun an unter dem Namen "Auerhahn-Bräu
Schlitz GmbH".
1955 löste Braumeister Heinrich von Thelemann Arthur Otterbein als
1. Geschäftsführer ab, der zum Stellvertreter ernannt wurde.
Arthur Otterbein , der mittlerweile in Frankfurt-Ginnheim eine eigene
kleinere Brauerei erworben hatte, konnte nur hin und wieder nach Schlitz
kommen. Rentmeister Herbert Thamm wurde kommissarisch mit der Funktion
des Stellvertretenden Geschäftsführers betraut.
Ende der 50-er Jahre konnten erstmals größere Investitionen
in Angriff genommen werden:
Ein neues Sudwerk, der Austausch des nicht mehr zeitgemäßen
Kühlschiffs durch einen Berieselungskühler, ein Verdunstungskondensator
zur Wassereinsparung und die Einbringung einer neuen Flaschenreinigungs-
und Füllanlage mit einer Leistung bis maximal 3.000 Fl. / Stunde.
Mit diesen Erneuerungen wurde der Neuaufbau der Brauerei praktisch angegangen.
Der Ausstoß war in den Jahren 1955 bis 1960 von 11.000 hl auf 22.000
hl angestiegen, womit die Kapazität der Brauerei restlos erschöpft
war. Eine weiter zu erwartende Steigerung war ohne Qualitätsverluste
nicht mehr zu verantworten. Die Personalstärke, einschließlich
der Niederlassung Fulda betrug:
* Angestellte 10 Personen
* Fuhrpark 10 Personen
* Produktion 31 Personen
In Anbetracht der herkömmlichen Tennenmälzerei, die zum Teil
noch manuell betrieben wurde und der gleichgelagerten Brauerei mit den
laufend anfallenden Reparaturen und Ausfallzeiten, war eine Personalstärke
von 53 Personen nicht zu umgehen. Diese relativ hohe Personalstärke
beschränkte dringend notwendige Investitionen.
Heinrich von Thelemann verließ nach 6jähriger Tätigkeit
Schlitz, um in Schweden eine neue Aufgabe zu übernehmen. Braumeister
Gustav Peetz wurde daraufhin von Graf Görtz mit der Geschäftsführung
der Brauerei beauftragt. Arthur Otterbein verblieb als Stellvertretender
Geschäftsführer. Der jüngere Bruder, Alfred Otterbein,
verstarb 1962. Er war bis zu seinem Tode mit der alleinigen Leitung des
Außendienstes betraut.
Durch die geschilderten, zum Teil unvermeidlichen Versäumnisse während
der zurückliegenden Jahrzehnte, wenigstens schrittweise einige Erneuerungen
vorzunehmen, befand sich die Brauerei in einem äußerst kritischen
Zustand. Es bedurfte dringend einer grundlegenden Neuordnung der gesamten
Betriebsstruktur.
Spätestens in dieser Zeit, 1961, mussten Profis erkannt haben, dass
mittelgroße und mittelpreisige Brauereien ohne großen Namen
und ohne Markenprofil im Ringen um die Kundschaft früher oder später
auf der Strecke bleiben würden, oder von größeren Brauereien
übernommen werden.
Aus dieser Erkenntnis heraus stellte sich die Schlitzer Brauerei das Ziel,
innerhalb der nächsten 10 Jahre, mit möglichst eigenen Mitteln,
unter größter Sparsamkeit, einen bescheidenen aber modernen
Brauereibetrieb, mit einer Kapazität bis zu 70 000 hl und mit außergewöhnlichen
Spezialbieren auf gehobener Preisschiene, zu erschaffen.
Um dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es einer fachlich gut ausgebildeten,
möglichst selbstständig arbeitenden Belegschaft. Die Altersstruktur
des Betriebes musste verändert und der kontinuierlichen Ausbildung
von Lehrlingen höchste Priorität eingeräumt werden. Aus
Altersgründen ausscheidende Mitarbeiter sollten in Zukunft ausschließlich
durch professionelle Handwerker wie Schlosser, Elektriker, Maurer und
Schreiner ersetzt werden, die in einem modernen Betrieb für die Zukunft
nicht mehr wegzudenken und dringend benötigt waren.
Das Konzept umfasste:
1. Eine Sortimentsbereinigung bei den Bieren.
2. An-, Um- und Neubau der Brauerei auf eine Kapazität von max. 70.000
hl.
3. Beschaffung der erforderlichen Einrichtungen.
4. Dringende Erweiterung der Lager- und Gärkellerkapazitäten.
5. Neuorganisation des Vertriebes mit den erforderlichen Garagen und Parkplätzen.
6. Verbesserung der Gesamtansicht.
7. Umstellung der gesamten Werbung auf Bier aus Schlitz, mit dem Auerhahn
als Markenzeichen.
Diese Maßnahmen wurden mit Fritz Otterbein abgestimmt
und sowohl der Braumeister als auch die Belegschaft entsprechend unterwiesen.
Friedrich Metzendorf, mit den baulichen Verhältnissen der Brauerei
bestens vertraut, wurde mit der Ausführung sämtlicher Baumaßnahmen
beauftragt. Des Weiteren erhielt Metzendorf den Auftrag, den Sengelbach
innerhalb der Brauerei zu verrohren. Der Bach führte bei Hochwasser
allerlei Unrat und Abfall mit sich, welcher sich im und am Bachbett ablagerte,
so- dass er nicht in die Schlitz ablaufen konnte und so der Gesamtansicht
von Brauerei und "Burgenblick" kein einladendes Bild verlieh.
An der Herrengartenstraße wurde ein Auffangrechen eingebaut, der
nach Hochwasser von der Brauerei gereinigt wurde.
In diesem Zusammenhang wurde auch die vollständige Einfriedung des
gesamten Brauereiareals durchgeführt.
Nachdem Fritz Otterbein in voller Erkenntnis der seinerzeitigen Situation
und der Dringlichkeit der zu treffenden Maßnahmen für die ratenweise
Finanzierung einstand, waren auch die Gesellschafter, unter gewissen Auflagen,
im Vertrauen auf Fritz Otterbein bereit, diesem Investitionsprogramm zuzustimmen.
Die Bauaufträge wurden dem Bauamt Lauterbach und dem Amt für
Umwelt und Denkmalschutz in Wiesbaden eingereicht. Von Wiesbaden kam ein
gewisser Dr. Müller um die Angelegenheit vor Ort zu begutachten.
Dr. Müller veranlasste die Genehmigung unter strenger Einhaltung
der festgelegten Bauhöhe, einschließlich der im Bauplan eingezeichneten
Einbauten, die erst zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt
werden sollten.
Nach Eingang der Genehmigung aus Wiesbaden wurde mit den Bauarbeiten begonnen.
Die Energieversorgung hatte Vorrang und umfasste:
1. Einbau eines Dampfkessels mit den entsprechenden Einrichtungen.
2. Überholung des Sudhauses mit Einbau einer Stahlbaufeuerung, Economiser
etc.
3. Eine Wasseraufbereitung mit Enthärtungs- und Entsäuerungsanlagen.
4. Eine Kaltwasserreserve, zugleich Löschwasserreserve, in einem
ehemaligen Eiskeller unter der Schlosserei.
5. Eine Warmwasserreserve.
6. Eine Trafostation für 20.000 Volt einschließlich niederspan-nungsseitiger
Stromabnahme.
Diese ersten Schritte wurden noch 1963 durchgeführt und die gesamte
Energieversorgung konnte 1964 in Betrieb genommen werden.
Fritz Otterbein war kein Mann schneller und leichtfertiger
Entschlüsse. Durch seine jahrzehntelange Erfahrung auf dem Brauereisektor,
waren ihm technische Details nicht fremd und er dadurch für jede
Erneuerung für eine wirksame Betriebsentwicklung aufgeschlossen.
Seine angeborene Bescheidenheit, seine ausgeprägte Sparsamkeit, seine
bedingungslose Korrektheit haben der Brauerei über Jahrzehnte hinweg
seinen Stempel aufgedrückt.
Ein Beispiel für seine akribische Korrektheit soll hier nicht unerwähnt
bleiben:
Im April 1963 fand im Rahmen einer allgemeinen Steueraufsicht eine "Betriebsprüfung
Zoll" durch zwei Prüfer der Oberfinanz-Direktion des Betriebsprüfungsbezirkes
Frankfurt/ Main statt. Die Prüfung erstreckte sich auf 14 Tage und
umfasste:
1. Prüfung der Betriebsgebäude und der Betriebseinrichtungen,
einschließlich der Betriebsanmeldungen, Anlageverzeichnisse, Bilanzstände
usw.
2. Prüfung der Beschaffung, Lagerung und Verwendung der Roh-, Hilfs-
und Betriebsstoffe.
3. Prüfung sämtlicher Verfahren und Stufen der Herstellung.
4. Prüfung der Ausbeute- und Schwundverhältnisse sämtlicher
Herstellungsverfahren und Stufen.
5. Prüfung des Vertriebes.
6. Prüfung der fortlaufenden, vollständigen und richtigen Führung
der Maßnahmen zur Sicherung und Durchführung der Steueraufsicht.
7. Prüfung der Maßnahmen zur Sicherung und Durchführung
der Steueraufsicht.
Größere Beanstandungen ergaben sich nicht. Die steuerlichen
Auswirkungen waren gering, es wurden 42,19 DM nachträglich erhoben,
für den nicht versteuerten Haustrunk.
Aus der Brauerei Gebrüder Otterbein in Schlitz existiert noch ein
sehr schönes Bierglas mit einem vorzüglich gelungenen Dekor
"Urhahnquell Pilsener". Gläser mit diesem Dekor sind eine
Rarität, woraus zu schließen ist, dass diese Werbung nur von
kurzer Dauer war und wegen der Ähnlichkeit mit dem Original "Pilsner
Urquell" nicht mehr geführt werden durfte. Ansonsten hätte
man diese Werbung nicht so leicht aufgegeben. Pilsener Bier war jedenfalls
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts bei uns weder bekannt noch
gefragt.
In der Auerhahn-Bräu Brauerei wurde das erste Bier nach Pilsner Brauart
1963 in der Region gebraut und als erstes höherwertiges Bier auf
den Markt gebracht. Bis dahin führte die Brauerei lediglich ein "Exportbier"
und ein "Malzsüßbier", an dessen Stelle ein obergäriges
Malzbier gebraut wurde, das als "Kurmalz" in den Handel kam.
Mit der Sortenbezeichnung wurde es zeitweise nicht so genau genommen.
So ist noch aus den 60er Jahren bekannt, dass eine Brauerei ihr einziges
Bier mit Original Pilsner Export etikettiert hatte. .....
Die geplanten Bauarbeiten für Flaschenfüllerei, Filterraum,
Drucktankraum und Fassfüllerei waren voll im Gange und sollten bis
1964 abgeschlossen sein.
Das Projekt der Flaschenfüllerei umfaßte im 1. Bauabschnitt:
1. Die Flaschenfüllerei mit der Möglichkeit zur Erweiterung.
2. Eine Vollguthalle.
3. Eine Leerguthalle.
4. Einen Schaltschrank.
5. Eine Flaschenreinigungs- und Füllanlage für vorerst 8.000
bis max. 10.000 Fl./Stunde.
6. Einen Auspacker.
7. Einen Einpacker.
8. Die zugehörige Transporteinrichtung.
9. Einen Durchlauferhitzer für Pasteurisation von Malzbier.
Für einen späteren Zeitpunkt war vorgesehen:
10. Eine Kastenwaschmaschine und ein Gabelstapler.
Mit einer Kapazität von etwa 8.000 bis 10.000 hl/Stunde war die Leistungsfähigkeit
der Flaschenfüllerei für einige Jahre sichergestellt. Im Füllbetrieb
sollten nur zwei Flaschentypen zum Einsatz kommen, die 0,5 Liter Bügel-
bzw. Euroflasche und die 0,3 Liter "Steinieflasche". Beide Flaschen
haben den gleichen Durchmesser und gewährten in Zukunft eine wirtschaftliche
Arbeitsweise ohne Umstellungen mit den entsprechenden Ausfallzeiten. Während
der Umstellungen war dies leider noch nicht immer möglich.
Die Bauarbeiten konnten 1964 abgeschlossen werden und die Füllerei
in Betrieb genommen werden.
1964 kam der 1. Sud des Neuen Urhahn-Alt zum Ausstoß und ergänzte
somit die Palette der höherwertigen Biere um eine weitere bedeutende
Spezialität.
Dieser Biertyp zeichnete sich durch seinen besonderen obergärigen
Charakter, seine besondere Brauart und nicht zuletzt durch eine bestimmte
Nachhopfung mit edlem Naturhopfen aus. Die Biere der Schlitzer Brauerei
wurden ganz bewusst mit einem etwa 50%gen Anteil an Naturhopfen gebraut.
Sinn und Zweck der Neuschöpfung war es, ein außergewöhnliches
Spezialbier auf den Markt zu bringen, das sich u.a. durch seine betonte
Hopfenblume geschmacklich merkbar von den herkömmlichen Bieren abheben
sollte, um so einen zusätzlichen Kundenstamm zu gewinnen, welcher
diesen speziellen Geschmack bevorzugte. Im 1. Monat seines Bestehens konnten
ganze 50 Liter Bier verbucht werden, ein bescheidener aber hoffnungsvoller
Anfang.
Widerstand und Skepsis, selbst aus eigenen Reihen, musste überwunden
werden- "neue Kräm".
Das nächste Spezialbier von dem sich die Brauerei große Chancen
erhoffte, war das nach echt bayerischer Brauart hergestellte Weizenbier.
Es sollte vorerst in der alten Bügelverschlussflasche in Flaschengärung
als Urweizen und als hefefreies Champagner Weizen auf den Markt kommen.
Dieses Bier war nördlich des Mains so gut wie unbekannt, erfreute
sich jedoch in Bayern seit altersher großer Beliebtheit. Um einen
erfolgreichen Start gewährleisten zu können, bedurfte es ausreichender
Gär- und Lagerkapazität.
Der Engpass der Brauerei
Die Limo Getränke mit ihren unterschiedlichen
Flaschentypen stellten eine riesige Belastung, besonders in der Flaschenfüllerei
dar. Die absolute Unwirtschaftlichkeit dieses Getränkesektors war
seit Jahren bekannt. Die angestellten Überlegungen, die Limo Getränke
als Handelsware zu beziehen, konnten jedoch aus mancherlei Gründen
nicht realisiert werden. Die nunmehr dringliche Notwendigkeit des Einsatzes
der vorhandenen Kapazitäten für die Bierherstellung - abgesehen
von unzureichenden Marktpreisen- ließen die Fortführung dieses
Produktionsbereiches nicht mehr gerechtfertigt erscheint, zumal der Ausstoß
1965 bereits 30 000 hl überschritten hatte und der Flaschenbieranteil
auf 7,4 % gestiegen war.
Erfahrungsgemäß ist die Abfüllung von Bier und Limo Getränken
auf ein- und derselben Anlage nicht empfehlenswert. Eine Beeinträchtigung
der Bierqualität ist dabei nie ganz auszuschließen. In 1965
wurde die Eigenproduktion der alkoholfreien Getränke vollständig
eingestellt.
1966 konnte die Eigenmalzproduktion der Brauerei eingestellt werden. Diese
war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gerechtfertigt, da vollkommen unwirtschaftlich.
Die Bereitstellung einer ausgewählten Gerstensorte an die Landwirte,
die Einflussnahme auf sachgerechte Düngung und Behandlung der Gersten
gewährten immer ein vorzügliches Braumalz, auf das die Brauerei,
gerade in Umbruchzeiten, nicht verzichten wollte.
Mit der Stilllegung der Mälzerei ergab sich die Möglichkeit,
ein schon lange fehlendes Kommunikationszentrum in eine umgebaute Tenne
einzurichten. Hier sollten in Zukunft Gäste, Gastwirte, Verleger
und Vereine etc. empfangen werden, bewirtet und mit den Leistungen der
Brauerei vertraut und vor allem mit den neuen Bieren bekannt gemacht werden.
Die Tenne bewährte sich als der ideale Platz für Werbung und
Pflege der Verbundenheit mit der Kundschaft.
Ursprünglich war der Besucherraum der Tenne mit 54 Sitzplätzen
ausgestattet, was einer vollen Omnibusbesetzung entsprach.
Der vor der Tenne stehende überflüssige Austreberbottich konnte
abgebaut werden und vor dem Sudhaus eine moderne Austreberanlage errichtet
werden. Daneben wurden die Förderrohre für die pneumatische
Malzentleerung aus den Kontainerzügen zu den Malzsilos installiert.
Die anstrengende Handarbeit der herkömmlichen Tennenmälzerei,
auch an Samstagen, Sonn- und Feiertagen war nunmehr Geschichte.
Hier darf auch erwähnt werden, dass Auerhahn-Bräu bereits 1962
oder 1963 als erster Betrieb in Schlitz und vielleicht auch darüber
hinaus, die arbeitsfreien Samstage eingeführt hatte. In 1966, nach
der Umstellung der Limo Getränke auf Handelsware wurde die Euroflasche
forciert eingeführt. Die Umstellung von der Bügelverschlussflasche
mit der Holzkiste auf die Euroflasche mit dem entsprechenden Eurokasten
war ein großes Risiko, denn es war vorauszusehen, dass der Kunde
nicht so ohne weiters auf seine beliebte Bügelverschlussflasche verzichten
würde...
Die Schlitzer Brauerei war eine der ersten Brauereien in Deutschland,
die sich für diese Umstellung entschieden hatte. Manche regionale
Brauerei hat die so entstandene Marktlücke ausgenutzt. Trotz des
kommerziellen und hygienischen Vorteils dauerte es noch 5 Jahre, bis diese
Flasche endgültig akzeptiert wurde und sich auch Großbrauereien
gezwungenermaßen zur Umstellung entscheiden mussten.
Für den gesamten Maschinenpark der Brauerei war der gelernte Maschinenschlosser
Heinrich Wagner zuständig. Wagner kam 1956 auch Chur/ Schweiz wo
er als Betriebsschlosser speziell für Brauereimaschinen tätig
war, zur Brauerei und hat noch mehrere Jahre mit Altmeister Heil zusammen
gearbeitet. Neben allen anfallenden Reparaturarbeiten an den Maschinen
war er insbesondere für die Einbringung, Aufstellung und Inbetriebnahme
der neuen Anlagen zuständig,. Durch seine große Erfahrung war
die Brauerei nur in Ausnahmefällen auf Spezialmonteure angewiesen.
Er hat sich große Verdienste um die Brauerei erworben.
Bei dieser Gelegenheit sei auch des bewährten Automechanikers Herbert
Hund gedacht, der als hervorragender und vielseitiger Könner den
veralteten Fuhrpark immer wieder in verkehrstüchtigem Zustand erhalten
hat. Dank Herbert Hund konnte die Brauerei auf mehrere Jahre die Kosten
für Neuanschaffungen von LKWs ersparen. Herbert Hund verstarb 1974.
Auf ein gutes Betriebsklima mit selbstständigen Mitarbeitern wurde
ganz bewusst großer Wert gelegt.
Die Richtlinien des Betriebes waren allgemein bekannt und so konnte die
technische Leitung in die verantwortlichen Hände des Braumeisters
Herbert Scheve und dessen Stellvertreters, Walter Becker übertragen
werden.
Unter solchen Voraussetzungen war es dem Geschäftsführer möglich,
sich des gesamten Vertriebs anzunehmen:
Kundenbetreuung, Kundenpflege; Pflege und Behandlung des Bieres, Einladungen
von Verlegern, Gastwirten, Vereinen und sonstigen Kunden, rationelle Toureneinteilung
und nicht zuletzt die Werbung neuer Kunden, speziell für Urhahn-Alt
und Pils.
Dank Urhahn-Alt war es nunmehr möglich, mit Getränkebetrieben
ins Gespräch zu kommen und evtl. neue Kunden zu gewinnen.
Der Werbeetat in 1967 betrug lediglich DM 34000,00. Die Außenwerbung
beschränkte sich auf stabile Papiertragetaschen mit Aufschrift, stabile
Flaschenöffner mit Wiederverschluss für Euro-Flaschen, Zeitungsannoncen
etc.
Trotz der sehr beschränkten Werbemittel war es möglich, im Ballungsgebiet
um Frankfurt/ Main einen neuen Kundenstamm aufzubauen:
Frankfurt/ Main, Offenbach, Friedberg, Neu-Isenburg, Taunuscenter, Darmstadt,
Rüsselsheim, Kelsterbach, Fechenheim, Hanau, Stockheim u.v.a., welche
sich teilweise zu guten Abnehmern entwickelten.
Mit ständigem Einsatz war dieses bewusst ausgewählte Gebiet
noch erheblich auszubauen. Die Ziele des eingangs erstellten Konzeptes
konnten bis 1967 voll erreicht werden.
Das Jahr 1967 war getrübt durch den nahestehenden Verkauf der Brauerei.
Die Familie Otterbein trug sich nunmehr ernstlich mit dem Gedanken, ihre
Anteile an der Brauerei zu verkaufen. Der Gesellschafter Graf Görtz
war ursprünglich bereit, diese Anteile mitzuerwerben. Nachdem jedoch
seine Frau, Gräfin Martha, 1964 verstorben war, zeigte auch er, sicherlich
durch familiäre Veränderungen, ebenfalls Verkaufsbereitschaft.
Großes Interesse an der Brauerei zeigte eine Münchner Großbrauerei.
Da die Stadt Schlitz an diesem Objekt leider nicht interessiert war und
andere Bewerber nicht in Frage kamen, gaben die Gesellschafter den Freiherren
Riedesel zu Eisenbach, die sich ernstlich um die Brauerei bemüht
hatten den Zuschlag.
Wie Arthur Otterbein im Betrieb bekannt gab und wie auch Graf Görtz
verlauten ließ, wurde letztendlich diese Entscheidung getroffen,
weil damit die sicherste Gewähr für den Fortbestand des Betriebes
gewährleistet sei. Dem haben auch die Käufer ausdrücklich
zugestimmt. Es war das Geld, das die Gesellschafter der Schlitzer Brauerei
veranlasste, über 400 Jahre Brautradition aufzugeben.
Die Brauerei war auf den sich seit Jahren abzeichnenden Kampf um die Hektoliter
und den immer stärker werdenden Verdrängungswettbewerb bestens
vorbereitet. Sie war durch beachtliche Erneuerungen gut eingerichtet.
Die Zukunftsaussichten waren unter Befolgung des eingangs aufgestellten
Konzeptes, dank der klugen und besonnenen Finanzpolitik von Fritz Otterbein,
dank der selbstauferlegten einschneidenden Sparsamkeit und nicht zuletzt
dank des verantwortungsvollen Einsatzes aller Mitarbeiter durchaus hoffnungsvoll.
Am 28. Dezember 1968 wurde die Auerhahn-Bräu von den Freiherren Riedesel
zu Eisenbach erworben.
Als krönenden Abschluss einer 52jährigen Tätigkeit bei
einem Unternehmen als Lehrling, Buchhalter, Finanzbuchhalter und Prokurist
hätte Fritz Otterbein im Alter von 65 Jahren, 1968, in den Ruhestand
gehen können, wurde jedoch noch weiter fünf Jahre bei den neuen
Inhabern beschäftigt. In 1973 ist er endgültig ausgeschieden.
Fritz Otterbein, dem die Brauerei zu großem Dank verpflichtet ist,
verstarb in 1986 im Alter von 84 Jahren.
Alle die Fritz Otterbein kannten und mit ihm arbeiten konnten, werden
ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.
In seinem letzten Jahresbericht für die Auerhahn-Bräu in 1968
heißt es:
Die Entwicklung des Betriebes stand in 1968 ganz unter dem Zeichen der
Verschmelzung beider Brauereien. Allgemein kann gesagt werden, dass der
Großteil unserer Kundschaft dieser Transaktion skeptisch gegenüberstand
und auch weiterhin alle Veränderungen, die nach außen ersichtlich
sind, kritisch beobachtet.
Wenn trotzdem der Vorjahresausstoß in etwa erreicht wurde, so können
wir mit diesem Ergebnis zufrieden sein.
Der Gesamtausstoß betrug 1968 33.263 hl gegenüber 1967 33.111
hl.
Der Anteil Fassbier 1967 12.611 hl ist erfreulicherweise auf in 1968 12.763
hl gestiegen, wobei das Flaschenbier mit 20.500 hl konstant blieb.
Der Anteil an Urhahn-Alt 1967 2.349 hl ist auf 1968 5.177 hl gestiegen.
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